Praktischer Leitfaden für psychedelische Begleitung und Schadensminderung
- Die wesentliche Rolle des Sitters
- Die Philosophie der Unterstützung: Die 3 Säulen des Sitters
- 🧘 Säule 1: Ruhige Präsenz (Be Present)
- 🌊 Säule 2: Radikale Akzeptanz (Don’t Fight)
- 🛡️ Säule 3: Physische Sicherheit (Safety First)
- Praktische Interventionsphasen bei einer intensiven Erfahrung
- 1. Erster Kontakt und Umweltsicherheit
- 2. Aktives und empathisches Zuhören
- 3. Normalisierung und Grounding
- 4. Risikobewertung und Weiterleitung
- Das Phrasen-Handbuch: Was man sagen und vermeiden sollte
- ✅ Hilfreiche Phrasen (Validierung und Ruhe)
- ❌ Phrasen, die die Situation verschlimmern (Urteil und Einmischung)
- 🚨 Notfallressourcen und professionelle Unterstützung
- 🆘 Weiterleitungsprotokoll: Wissen, wann man anruft
- Die Verantwortung, sich zu kümmern
- ⚠️ Haftungsausschluss und ETHIK DER SCHADENSMINDERUNG
Die wesentliche Rolle des Sitters
Selbst bei sorgfältiger Vorbereitung – einem guten Set (Gemütszustand) und einem guten Setting (Umfeld), wie bereits in früheren Artikeln behandelt – können psychedelische Erfahrungen intensiv oder schwierig werden. In solchen Momenten hängt der Unterschied zwischen einer überwältigenden und einer gehaltenen Erfahrung oft von einer stillen, aber entscheidenden Figur ab: dem Begleiter oder Sitter.
Es ist wichtig zu verstehen, dass eine schwierige Erfahrung durch Faktoren wie Wechselwirkungen mit anderen Substanzen, eine zu hohe Dosis, ein schlechtes Set (eine persönliche Krise) oder eine genetische Anfälligkeit für psychische Erkrankungen ausgelöst werden kann. Solche Situationen können sich als unangenehme Halluzinationen, Unruhe, Misstrauen gegenüber der Umgebung oder Zittern äußern.
Psychedelische Erste Hilfe ist keine Form der Therapie oder spirituellen Intervention. Sie besteht aus einer Reihe praktischer Handlungen und unterstützender Haltungen, die die physische, emotionale und psychologische Sicherheit einer Person während einer intensiven psychedelischen Erfahrung schützen sollen. Ziel ist nicht zu „heilen“ oder zu „leiten“, sondern Sicherheit, Komfort und Bestätigung zu bieten.
Dieser Ansatz basiert auf einer klaren Ethik: der des „Nicht-Gurus“. Der Sitter ist weder Schamane noch Therapeut oder Erleuchteter. Er ist eine menschliche, empathische Präsenz, die den Raum hält, ohne Interpretationen aufzuzwingen. Er hört zu, beobachtet und begleitet mit Demut und Respekt.
Die Philosophie der Unterstützung: Die 3 Säulen des Sitters
Die Aufgabe des Sitters besteht nicht darin, zu führen, sondern zu begleiten. Seine Rolle ist es, eine sichere Umgebung zu schaffen und aufrechtzuerhalten, in der die Person die Erfahrung mit minimalem Risiko durchlaufen kann. Diese Rolle beruht auf drei grundlegenden Säulen.
🧘 Säule 1: Ruhige Präsenz (Be Present)
Die Ruhe des Sitters ist die erste Hilfe. Der emotionale Zustand des Begleiters überträgt sich, und eine gelassene Präsenz kann selbst die chaotischsten Momente ausgleichen. Das bedeutet, den furor curandis zu vermeiden (den unnötigen Drang „etwas zu tun“, nur um sich nützlich zu fühlen) und nicht reaktiv zu handeln.
Ruhig zu bleiben erfordert ein persönliches Grounding:
- Langsam und tief atmen.
- Den eigenen Körper und den Kontakt mit der Umgebung spüren (z. B. eine Wand oder den Boden berühren).
- Sich daran erinnern, dass das Ziel nicht „etwas zu reparieren“ ist, sondern einfach präsent zu sein.
🌊 Säule 2: Radikale Akzeptanz (Don’t Fight)
Der Versuch, die Erfahrung zu stoppen oder zu kontrollieren, verstärkt nur Widerstand und Angst. Radikale Akzeptanz bedeutet, die Erfahrung nicht zu bekämpfen, sondern der Person zu erlauben, sie mit möglichst wenig Leiden zu durchleben. Das heißt, ihre Gefühle zu validieren, auch wenn sie irrational oder verwirrend scheinen:
- "Ich sehe, dass du Angst hast, und das ist in Ordnung."
Der Sitter diskutiert oder korrigiert nicht. Er hält den emotionalen Raum, erkennt Angst oder Verwirrung an – ohne Drama oder Urteil.
🛡️ Säule 3: Physische Sicherheit (Safety First)
Die dritte Säule besteht darin, die körperliche Unversehrtheit der Umgebung und der Person zu wahren. Es geht nicht um Kontrolle, sondern um Prävention:
- Verhindern, dass die Person davonläuft, Treppen steigt oder gefährliche Gegenstände benutzt.
- Sicherstellen, dass der Raum frei von Risiken ist: brennende Kerzen, offene Fenster, instabile Möbel.
- Einen respektvollen Abstand halten und Berührungen vermeiden, außer im Notfall.
Das Prinzip ist einfach: So wenig wie möglich eingreifen, aber handeln, wenn die Sicherheit gefährdet ist.
Praktische Interventionsphasen bei einer intensiven Erfahrung
Die Unterstützungsintervention sollte einer logischen Abfolge folgen, die Sicherheit, Ruhe und Validierung priorisiert – vom Körperlichen zum Psychologischen. Dafür haben wir eine praktische Anleitung mit vier Phasen entwickelt: Überprüfung, Stabilisierung, Rückkehr und Weiterleitung.
1. Erster Kontakt und Umweltsicherheit
Vor jeder Interaktion ist es wichtig, zuerst die Umgebung zu sichern und einen sicheren Kontakt herzustellen. Beurteile den Zustand des Raums und der Person.
- Prüfen, ob die Person bei Bewusstsein ist und kommunizieren kann.
- Einen angenehmen Abstand halten. Körperkontakt nur, wenn es aus Sicherheitsgründen notwendig ist.
- Gefährliche Gegenstände, Hitzequellen, Glas oder potenzielle Gefahren entfernen.
- Für gedämpftes Licht, angenehme Temperatur und minimale Ablenkung sorgen.
- Mit leiser, ruhiger Stimme sprechen – ohne plötzliche Bewegungen oder Tonwechsel.
2. Aktives und empathisches Zuhören
Zuhören ist der Kern des Begleitens. Empathie ist das wichtigste Werkzeug; versuche nicht, die Gefühle der Person zu rationalisieren.
- Ausdruck erlauben: Lass die Person reden, schreien oder weinen, ohne sie zu unterbrechen. Rationalisiere ihre Aussagen nicht.
- Verständnis zeigen: Verwende kurze Paraphrasen, um ihre Gefühle zu spiegeln: "Ich verstehe, dass du das Gefühl hast, die Zeit sei stehen geblieben – das kann verwirrend sein."
- Das Ziel ist nicht, die Bedeutung zu leiten, sondern einen ruhigen Spiegel zu bieten, in dem sich die Person selbst erkennen kann.
3. Normalisierung und Grounding
Nachdem die Emotion stabilisiert ist, besteht das Ziel darin, die Person wieder mit dem Hier und Jetzt zu verbinden und sie daran zu erinnern, dass ihr Zustand vorübergehend ist.
Sanft daran erinnern, dass das, was passiert, vorübergehend ist:
- "Du stehst unter dem Einfluss einer Substanz. Das wird vorübergehen."
Dann sensorisches Grounding fördern:
- Eine Decke oder vertraute Textur berühren.
- Etwas Wasser bei Raumtemperatur trinken.
- Sich auf einen angenehmen Geruch oder die Atmung konzentrieren.
In Momenten der Überforderung nur einfache Entscheidungen anbieten:
- "Möchtest du sitzen oder dich hinlegen?"
- "Sollen wir die Musik ändern oder ausschalten?"
Komplexe Gespräche vermeiden. Stille ist ein mächtiges Werkzeug; oft sagt eine ruhige Präsenz mehr als Worte.
4. Risikobewertung und Weiterleitung
Der Sitter sollte die Grenzen seiner Rolle kennen. Manche Situationen erfordern sofortige medizinische Hilfe:
- Langanhaltender Bewusstseinsverlust oder Krampfanfälle.
- Atemnot oder Brustschmerzen (Hinweis auf Herzprobleme).
- Aggressives Verhalten oder unkontrollierbare Selbstgefährdung.
In solchen Fällen ist das Rufen des Notdienstes die richtige und sofortige Maßnahme. Es geht nicht darum, „Vertrauen zu verraten“, sondern Leben zu schützen.
Das Phrasen-Handbuch: Was man sagen und vermeiden sollte
✅ Hilfreiche Phrasen (Validierung und Ruhe)
- "Du bist in Sicherheit, ich bin hier bei dir."
- "Alles, was du fühlst, ist normal – du erlebst eine intensive Erfahrung."
- "Das wird vorübergehen. Lass es einfach zu."
- "Konzentriere dich auf deine Atmung, atme langsam ein und aus."
Diese Sätze validieren und normalisieren die Erfahrung, helfen Angst zu reduzieren, ohne Interpretation aufzuzwingen.
❌ Phrasen, die die Situation verschlimmern (Urteil und Einmischung)
- "Beruhige dich" oder "Entspann dich."
- "Das hättest du wissen müssen / du hättest nicht so viel nehmen sollen."
- "Es ist fast vorbei / halte durch."
- "Das Universum will dir etwas beibringen."
Diese Aussagen verurteilen, verharmlosen oder schaffen falsche Erwartungen, was die Verwirrung verstärkt. Der Sitter lehrt nicht und verkündet keine mystischen Botschaften: er begleitet einfach.
🚨 Notfallressourcen und professionelle Unterstützung
Vor jeder Erfahrung ist es wichtig, die folgenden Informationen für deine Region zu recherchieren und bereitzuhalten. Bereite und notiere diese Daten in deinem Set & Setting:
- Notrufnummern für medizinische und polizeiliche Hilfe in deinem Land oder in deiner Stadt.
- Toxikologie- oder Vergiftungszentralen, die telefonischen Fachsupport anbieten.
- Bekannte Hotlines für psychische Gesundheit oder Schadensminderung in deiner Region.
🆘 Weiterleitungsprotokoll: Wissen, wann man anruft
Die Rolle des sitters endet dort, wo professionelle Hilfe erforderlich ist. Die Intervention sollte kurz und sicherheitsorientiert sein. Wenn die Person eine Krise erlebt, die nach der akuten Phase anhält, oder schwere körperliche Symptome zeigt, ist externe Unterstützung unerlässlich.
Unverzügliches Handeln bedeutet, den medizinischen Notdienst zu rufen oder die Person in eine Klinik zu bringen – und wenn möglich (und sicher) das Personal über die konsumierte Substanz zu informieren – in folgenden Fällen:
- Akute physische Gefahr: Krampfanfälle, Bewusstlosigkeit, Atem- oder Herzprobleme, hohes Fieber oder schwere Verletzungen.
- Anhaltende psychische Krise: Psychotisches Verhalten, Selbst- oder Fremdgefährdung.
Die Entscheidung, medizinische oder psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist ein verantwortungsvoller Akt der Fürsorge. Das Leben hat immer Vorrang vor Geheimhaltung oder Konsumvertraulichkeit.
Die Verantwortung, sich zu kümmern
Psychedelische Erste Hilfe ist kein Erleuchtungs-Handbuch, sondern eine Praxis verantwortungsvoller Fürsorge und Schadensminderung. Sie erfordert Empathie, Ruhe und Respekt vor Grenzen. Begleiten, ohne zu drängen, zu diagnostizieren oder Bedeutung aufzuzwingen, ist eine Schlüsselkompetenz der modernen psychedelischen Kultur.
Engagement für Harm Reduction endet nicht bei der Prävention – es zeigt sich auch darin, wie wir während der Reise füreinander sorgen. Die Schönheit der Verletzlichkeit liegt in der Fähigkeit, darin gehalten zu werden.
Teile diese Ressource. Wissen über psychedelische Erste Hilfe zu verbreiten ist eine direkte und praktische Möglichkeit, Leben zu schützen und eine bewusstere, mitfühlendere und sicherere Konsumkultur zu fördern.
Vor jeder Erfahrung ist Vorbereitung entscheidend. Vertiefe dein Wissen:
- Lies unseren kompletten Leitfaden zu Set & Setting.
- Lerne wie man Bad Trips vermeidet und handhabt.
⚠️ Haftungsausschluss und ETHIK DER SCHADENSMINDERUNG
Dieser Artikel wurde mit einem ausschließlichen Fokus auf Schadensminderung (Harm Reduction) erstellt. Die hier bereitgestellten Informationen sollen nicht zur Einnahme illegaler oder kontrollierter psychoaktiver Substanzen anregen oder diese befürworten. Unser ethisches Ziel ist es, Sicherheits- und Fürsorgeleitfäden für Menschen bereitzustellen, die sich eigenverantwortlich für den Konsum entscheiden – immer mit dem Vorrang von Leben, psychischer Gesundheit und körperlicher Sicherheit.









