Mythen über Psilocybin, die die Wissenschaft widerlegt hat
- 1. Zerstört Psilocybin Neuronen?
- 2. Erzeugt Psilocybin körperliche Abhängigkeit?
- 3. Ist es so gefährlich wie andere Drogen?
- 4. Ist es sicher, weil es natürlich ist?
- 5. Haben Halluzinationen keinen therapeutischen Wert?
- Das Default Mode Network (DMN)
- 6. Bleibt Psilocybin in der Wirbelsäule gespeichert?
- 7. Heilt es Depression sofort?
- 8. Erhöht Psilocybin das Risiko einer Psychose?
- Quellen und Referenzen
Jahrzehntelang hatte Psilocybin zwei nahezu gegensätzliche Reputationen. In den 1950er Jahren wurde es als vielversprechendes klinisches Werkzeug erforscht; kurz darauf machte der „Krieg gegen Drogen" es zu einem Tabu, das die Forschung fast vierzig Jahre lang zum Stillstand brachte. Heute ist dieses Schweigen gebrochen: Zentren wie Johns Hopkins, Yale oder das Imperial College holen die verlorene Arbeit nach und liefern solide Daten über seinen möglichen therapeutischen Nutzen.
Aber diese Rückkehr hat auch neue Vereinfachungen mit sich gebracht. Psilocybin wird nicht mehr als öffentlicher Feind angesehen, sollte aber auch nicht als Wundermittel gefeiert werden. Seine wahre Rolle liegt an einem Zwischenpunkt, wo potenzielle Vorteile und Risiken nebeneinander existieren, die es zu verstehen gilt.
In diesem Artikel gehen wir die wichtigsten Mythen durch, die Psilocybin noch umgeben: was wir wirklich wissen, was noch erforscht wird und welche Vorstellungen man hinter sich lassen sollte.
1. Zerstört Psilocybin Neuronen?
Eine in den 1980er Jahren weit verbreitete Überzeugung, angetrieben von starken Anti-Drogen-Kampagnen, behauptete, dass Psychedelika irreversible Hirnschäden verursachen und Neuronen „braten" oder unbrauchbar machen würden. Moderne Neuroimaging-Technologie hat diesen Mythos vollständig widerlegt.
Aktuelle Studien zeigen, dass Psilocybin nicht nur keinen neuronalen Tod verursacht, sondern das Gegenteil fördert:
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Strukturelle Neuroplastizität: Erhöht die Fähigkeit des Gehirns, sich zu verändern und anzupassen.
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Synaptogenese: Fördert die Bildung neuer Verbindungen zwischen Neuronen.
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Globale Konnektivität: Ermöglicht es normalerweise isolierten Hirnarealen, miteinander zu kommunizieren.
Dieser Zustand der Formbarkeit führt dazu, dass die Erfahrung weitgehend von Set & Setting abhängt: dem vorherigen mentalen Zustand der Person (Set) und der physischen, emotionalen und relationalen Umgebung, in der die Substanz eingenommen wird (Setting). In einem sicheren und begleiteten Kontext orientiert sich die Neuroplastizität in Richtung positiver Veränderung; in einer chaotischen oder bedrohlichen Umgebung kann sie Verwirrung oder Angst verstärken.
Daher können wir sagen, dass der Mythos „Psilocybin zerstört Neuronen" falsch ist.
2. Erzeugt Psilocybin körperliche Abhängigkeit?
Damit eine Substanz klassische körperliche Abhängigkeit erzeugt (wie Heroin, Alkohol oder Nikotin), benötigt sie in der Regel zwei Faktoren: eine intensive Aktivierung des dopaminergen Belohnungssystems und schwere körperliche Symptome beim Entzug. Psilocybin passt nicht in dieses pharmakologische Profil.
Sein Mechanismus ist anders: Es wirkt durch Agonisierung von Serotonin-Rezeptoren (hauptsächlich 5-HT2A). Dies führt zu drei Eigenschaften, die es von Sucht distanzieren:
- Fehlen von „Craving": Es aktiviert nicht den dopaminergen Belohnungskreislauf wie lehrbuchmäßig süchtig machende Substanzen, die dieses unwiderstehliche körperliche Verlangen nach sofortigem Konsum verursachen.
- Schnelle Toleranz: Der Körper entwickelt fast sofort Widerstand. Der Konsum von Psilocybin an zwei aufeinanderfolgenden Tagen führt dazu, dass die Substanz am zweiten Tag kaum noch Wirkung zeigt, was physiologisch fortgesetzten zwanghaften Gebrauch oder „Binging" verhindert.
- Kein körperliches Entzugssyndrom: Es gibt keine medizinischen Aufzeichnungen über körperlichen Zusammenbruch, Zittern oder lebensbedrohliches Risiko nach Beendigung des Gebrauchs.
Aus all diesen Gründen ist die Überzeugung widerlegt, dass diese halluzinogenen Pilze körperlich „abhängig machen". Psilocybin kapert nicht das Belohnungssystem des Gehirns, und die schnelle Toleranz, die es erzeugt, wirkt als physiologische Versicherung gegen fortgesetzten Gebrauch. Weit davon entfernt, eine Kette der Notwendigkeit zu schaffen, verhält sich die Substanz selbstlimitierend, was den Mythos der körperlichen Abhängigkeit aus wissenschaftlicher Sicht unhaltbar macht.
3. Ist es so gefährlich wie andere Drogen?
Jahrzehntelang hat die Gesetzgebung Psilocybin in Liste I klassifiziert (ohne medizinischen Wert und hohe Gefährlichkeit) und es rechtlich mit Heroin gleichgesetzt. Wenn die Wissenschaft jedoch die tatsächliche Toxizität und die sozialen Auswirkungen analysiert, ist das Bild sehr unterschiedlich.
Die Studie von Professor David Nutt, veröffentlicht in The Lancet (2010), bewertete den Gesamtschaden von 20 Substanzen. Die Ergebnisse ordneten die Wahrnehmung von Gefahr drastisch neu: Alkohol positionierte sich als die schädlichste Substanz in globaler Hinsicht (maximaler sozialer Schaden), während Heroin und Crack beim direkten Schaden für den Benutzer führten. Am entgegengesetzten Ende erschienen Psilocybin-Pilze am Ende der Grafik, mit einem der niedrigsten registrierten Toxizitäts- und Sozialschadensprofile.
Das führt uns zu einer ironischen Schlussfolgerung: Das Gesetz verfolgt Psilocybin mit der Strenge, die für tödliche Gifte reserviert ist, während die Wissenschaft es zu den gutartigsten Substanzen für den Organismus zählt. Es ist nicht so gefährlich wie andere Drogen in Bezug auf öffentliche Gesundheit oder Kriminalität. Sein Risiko ist nicht der körperliche Zusammenbruch, sondern die emotionale Destabilisierung bei unvorbereiteten Benutzern. Es mit Heroin gleichzusetzen ist nicht nur ein wissenschaftlicher Fehler, es ist ein legislativer Trugschluss.
4. Ist es sicher, weil es natürlich ist?
Als Reaktion auf den Prohibitionismus entstand der naturalistische Fehlschluss: die Idee, dass es automatisch gutartig ist, weil es ein Pilz ist, der in der Erde wächst. Das ist eine gefährliche Argumentation. Die Natur produziert tödliche Toxine (wie die von Amanita phalloides oder Schlangengift) genauso effektiv wie Medizin.
Psilocybin ist eine potente Verbindung, die die zerebrale Hämodynamik verändert. Es kann vorübergehend den Blutdruck erhöhen und, was noch wichtiger ist, Panik, Verwirrung oder schwere emotionale Dysregulation auslösen, wenn die Person nicht vorbereitet ist. Die botanische Herkunft eines Moleküls beschreibt seine Provenienz, nicht sein Sicherheitsprofil.
Natürlich zu sein ist nicht gleichbedeutend mit harmlos zu sein. Die Herkunft der Substanz befreit uns nicht von physiologischen oder psychologischen Risiken. Daher liegt die Sicherheit von Psilocybin in Wissen, Respekt und kontrollierter Umgebung (Set & Setting), und niemals in dem einfachen Trugschluss, dass „die Erde keinen Schaden anrichtet".
5. Haben Halluzinationen keinen therapeutischen Wert?
Die populäre Vorstellung neigt dazu, Psilocybin mit auffälligen visuellen Landschaften wie sich bewegenden Farben, geometrischen Mustern oder sich verändernden Texturen ohne Wert zu assoziieren. In der klinischen Forschung sind diese Effekte jedoch sekundär. Was wirklich zählt, ist nicht das, was vor den Augen erscheint, sondern was auf emotionaler Ebene und in der Organisation der Gehirnnetzwerke geschieht.
Das Default Mode Network (DMN)
An diesem Punkt kommt das Default Mode Network (DMN) ins Spiel, das für die Aufrechterhaltung unseres Identitätsgefühls, der inneren Erzählung und repetitiver Gedankenschleifen verantwortlich ist. Bei Störungen wie Depression oder Angst neigt dieses Netzwerk dazu, starr und überaktiv zu funktionieren.
Psilocybin reduziert vorübergehend die DMN-Aktivität. Diese Veränderung erleichtert zwei Schlüsselprozesse:
- Eine subjektive Erfahrung der Entidentifikation: Durch die Verringerung der Aktivität des Netzwerks, das die Erzählung des Selbst aufrechterhält, fühlen einige Menschen eine größere Verbindung mit ihrer Umgebung und eine momentane Distanz zu ihren gewohnten Denkmustern.
- Eine Zunahme der Kommunikation zwischen Gehirnnetzwerken: Regionen, die normalerweise isoliert funktionieren, koordinieren sich freier, was helfen kann, tief verwurzelte mentale Muster flexibler zu machen.
Klinische Studien legen eine Beziehung nahe: Je tiefer diese subjektive Erfahrung ist (nicht unbedingt visuell, sondern emotional und kognitiv), desto größer tendiert die therapeutische Verbesserung in den folgenden Tagen oder Wochen zu sein.
6. Bleibt Psilocybin in der Wirbelsäule gespeichert?
Dies ist vielleicht der hartnäckigste urbane Mythos ohne wissenschaftliche Grundlage. Keine Studie hat Spuren von Psilocybin oder Psilocin in Nervensystemgeweben gefunden. Es ist physiologisch falsch. Psilocybin wird in der Leber schnell zu Psilocin metabolisiert und innerhalb von Stunden über den Urin aus dem Körper ausgeschieden (in der Regel weniger als 24 Stunden).
Der Körper besitzt keinen Mechanismus, um diese Moleküle jahrelang im Rückenmark oder Fettgewebe zu „speichern". Das Phänomen der Flashbacks, klinisch bekannt als HPPD (Hallucinogen Persisting Perception Disorder), ist eine seltene neurologische Erkrankung im Zusammenhang mit der visuellen Verarbeitung, nicht mit Drogenablagerungen, die im Rücken „versteckt" sind.
Der menschliche Körper funktioniert nicht wie ein Tresor für Halluzinogene. Einmal metabolisiert und ausgeschieden, verschwindet das Molekül. Jeder anhaltende Effekt liegt darin, wie das Gehirn nach der Erfahrung Informationen verarbeitet, niemals in Phantomresten der Substanz, die in Ihren Wirbeln versteckt sind.
7. Heilt es Depression sofort?
Einige Menschen erleben nach der Anwendung von Psilocybin schnelle emotionale Erleichterung, nicht weil die Substanz Depression sofort heilt, sondern weil sie vorübergehend starre Denkmuster verändert; nachhaltige Genesung hängt von nachfolgender therapeutischer Arbeit ab.
Die Substanz öffnet ein Fenster der Möglichkeiten, das Tage oder Wochen nach der Sitzung anhält. Aber echte Veränderung hängt von der Integration ab. Ohne diese nachfolgende psychologische Arbeit, um das Erlebte zu verarbeiten, Emotionen zu interpretieren und Verhaltensänderungen im Alltag anzuwenden, kann die Erfahrung nur eine intensive, aber flüchtige Erinnerung bleiben.
Die Substanz erleichtert die Lektion, aber es ist das Individuum, das studieren, üben und dieses Lernen integrieren muss, damit die „Heilung" real und dauerhaft ist.
8. Erhöht Psilocybin das Risiko einer Psychose?
Moderne Bevölkerungsstudien widerlegen die Idee einer universellen Gefahr. Umfassende Forschungen, wie die Analyse von Daten aus nationalen Gesundheitsumfragen in den USA mit über 130.000 Teilnehmern, fanden keine statistische Assoziation zwischen lebenslangem Gebrauch von Psychedelika und einem Anstieg der Raten von psychischen Gesundheitsproblemen oder Selbstmord in der allgemeinen Bevölkerung.
In aktuellen kontrollierten klinischen Studien sind verlängerte psychotische Reaktionen (über die Dauer der Drogenwirkung hinaus) extrem selten. Für die meisten Menschen ist das Risiko extrem niedrig; für diejenigen mit klarer psychiatrischer Prädisposition ist es ein signifikantes Risiko.
Das Stigma abzubauen bedeutet jedoch nicht, Kontraindikationen zu ignorieren. Bei Personen mit genetischer Prädisposition für Schizophrenie oder mit einer Diagnose von bipolarer Störung können Psychedelika als Auslöser wirken und eine psychotische Episode auslösen, die sich sonst möglicherweise nicht manifestiert hätte (oder nicht so früh). Aus diesem Grund ist das vorherige medizinische Screening die wichtigste Sicherheitsbarriere in klinischen Studien und was therapeutischen Gebrauch radikal von rücksichtslosem Freizeitgebrauch unterscheidet.
Die Wissenschaft validiert das Potenzial von Psilocybin, aber was wir heute haben, sind vielversprechende Indikatoren, keine universellen Gewissheiten. Die Neuroplastizität, die es induziert, kann ein wertvolles therapeutisches Werkzeug sein, hängt aber vollständig von Kontext, Vorbereitung und nachfolgender Integration ab. In klinischen Umgebungen und mit professioneller Begleitung öffnet es Wege, die konventionelle Behandlungen nicht immer erreichen. Außerhalb dieses Rahmens bleibt es eine potente Substanz, die Respekt, Vorsicht und ein realistisches Verständnis ihrer Grenzen erfordert.
Haftungsausschluss: Dieser Artikel dient ausschließlich informativen und pädagogischen Zwecken. Psilocybin ist eine kontrollierte Substanz, und ihr Besitz oder Gebrauch ist in den meisten Rechtsprechungen illegal.
Quellen und Referenzen
- Griffiths, R. R., et al. (2006). Psilocybin can occasion mystical-type experiences having substantial and sustained personal meaning and spiritual significance. Psychopharmacology.
- Nutt, D. J., et al. (2010). Drug harms in the UK: a multicriteria decision analysis. The Lancet.
- Shao, L. X., et al. (2021). Psilocybin induces rapid and persistent growth of dendritic spines in frontal cortex in vivo. Neuron.
- Carhart-Harris, R. L., et al. (2012). Neural correlates of the psychedelic state as determined by fMRI studies with psilocybin. PNAS.
- Johansen, P. Ø., & Krebs, T. S. (2015). Psychedelics not linked to mental health problems or suicidal behavior: A population study. Journal of Psychopharmacology.
- Passie, T., et al. (2002). The pharmacology of psilocybin. Addiction Biology.
- Verschiedene Autoren (2021). Psychedelics and Neuroplasticity: A Systematic Review. Frontiers in Psychiatry.
- Dargan, P. I., et al. (2017). Harm potential of magic mushroom use: A review. Regulatory Toxicology and Pharmacology.
- Krebs, T. S. & Johansen, P. Ø. (2013). Psychedelics and Mental Health: A Population Study. PLOS One.
- Zusätzliche Forschung zu Metabolismus und Pharmakokinetik:









